Deutschland,  Vorbereitung

Bonn Review

Ganze 55 Tage haben wir nun an der Akademie für internationale Zusammenarbeit (AIZ) verbracht. Die AIZ ist ein Lern-Campus, der von der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) verwaltet und gemanagt wird. Der Auftraggeber von der GIZ ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Hier an der AIZ, so sagt man, trifft sich die Welt. Grenzen? Gibts nicht. Kulturelle Unterschiede? Man trifft sich in der Mitte. Sprachbarrieren? Wir lernen voneinander.
So kommt es vor, dass man zu Mittag an einem Tisch mit einem Äthiopier, einer Kongolesin und zwei Indern sitzt. Und so unterschiedlich man ist, fällt auf: wir haben doch so viel gemeinsam.

Den gesamten Oktober verbrachten wir damit, die Sprache der Chewa-Menschen, die größte Bevölkerungsgruppe in Malawi, zu lernen: Chichewa.
Wie wichtig diese Sprache ist, wurde uns erst in einem anderen Seminar bewusst; Landesanalyse.
Falls sich jemand für die malawische Geschichte in Kurzform interessiert, der kann gerne hier nachlesen: Länder Lexikon Malawi 

Die Sprache ist der Schlüssel in die Herzen der Menschen. Viele zwischenmenschliche Informationen sind in der Sprache kodiert. Ein Wort für Onkel oder Tante zum Beispiel gibt es gar nicht. Alle deine Verwandten sind Vater und Mutter. Denn ein Kind wird von der ganzen Verwandtschaft, dem ganze Dorf, großgezogen (= extended Family). Jede Frau ist deine Mutter oder ab einem gewissen Alter deine Großmutter. Es bedarf auch schon ein paar Nachfragen, ob jetzt der “richtige Vater” geheiratet hat, oder doch der “erweiterte Vater”, also Onkel.
Und apropos Onkel! Es gibt im Süden Malawis (dort wo wir leben werden) das Prinzip der matrilinearen Abstammungslinie. Die matrilineare Abstammung, sowohl der männlichen als auch der weiblichen Nachkommen, wird nur durch die weibliche Vorfahrenlinie, der Linie der Mutter gebildet.  Das heißt aber nicht, dass die Rolle der Frau besonders geehrt wird, sondern in diesem Fall, dass der Bruder der Mutter die Hinterlassenschaften erbt. Und dieser Bruder der Mutter ist auch verantwortlich in Erziehungs- und Ausbildungsfragen der Kinder seiner Schwester! Er entscheidet, ob die Kinder zur Schule gehen und auf welche. Sollte die Mutter sterben, müssten die Kinder zu ihm kommen – der Vater geht zurück in sein Dorf. Heiraten ein Mann und eine Frau aus verschiedenen Dörfern, zieht das Paar nämlich in das Dorf der Frau.
Es ist auch ganz üblich, dass der Onkel dann auch mehrere Schulgebühren für seine Kinder und Nichten und Neffen zahlt. Es ist daher auch schwierig, sich finanziell irgendwie besser aufzustellen. Du bist immer für deine gesamte Verwandtschaft verantwortlich, ja sogar in der Pflicht ihnen zu helfen. Einer für alle. Alle für einen. Das Ellenbogenprinzip gibt es in Malawi nicht.
So viel gelernt, und das war nur eine kurze Sequenz des Unterrichts!

Malawi ist schon super. Wie einfach eine ganze Nation immer darauf bedacht ist, freundlich und rücksichtsvoll zu sein. Wie stolz die Malawier darauf sind, “das warme Herz Afrikas” zu sein.
Und ich bin sehr stolz, in diesem Land leben zu dürfen. Auch wenn man fast jedes mal erklären muss, dass es nicht Mali, sondern Malawi ist und wo dieses wunderbare Land liegt.
Klein, aber fein. Mit einem wunderschönen See, der ein Fünftel des Landes bedeckt. Der der fischartenreichste See der Welt und unter den TOP 10 der größten Süßwasserseen ist.

Ich bin wirklich gespannt, ob sich unser Chichewa etablieren kann und wir nicht aus Bequemlichkeit ins Englische verfallen. Ob wir dann wirklich Teil von Zalewa, unserem Dorf, werden und nicht die Azungu sind, die Weißen, die nie Probleme haben und auch nie Probleme verstehen werden.

Die nächsten Seminare hatten Benja und ich getrennt voneinander, denn wie zum Beispiel integriertes Projektmanagement funktioniert, brauche ich nicht zu wissen. Ich hatte eher das Privileg, ein Sicherheitstraining zu absolvieren.
Und einen Auszug aus diesem Seminar muss ich teilen, denn ich war ein bisschen geschockt:
Das Sicherheitstraining dauerte fast drei Tage und es war Teil des Seminars, verschiedene Szenen, die im Ausland unsicher sein könnten, schauspielerisch nachzustellen (Zum Beispiel das Verhalten bei einem bewaffneten Checkpoint).
Am zweiten Tag wurde angekündigt, dass wir zusammen mit einer anderen Security-Training Gruppe in die Bar im Keller der Gebäudes gehen. Die Aufgabe: Informationen von den anderen Teilnehmern herausfinden, Name, Alter, Familie etc. Keine große Sache.
Während der Kaffeepause wurde ich von dem Dozent, abseits der Gruppe, gefragt, ob ich kurz mit ihm mitgehen könnte. kurz gefasst: zwei weitere Teilnehmer und ich wurden in einen anderen Raum gebeten. Und dort lag dann das Equipment: Sturmmasken, Fake-Kalaschnikows, Tarnjacken. Unser Auftrag: Als Terroristen die Versammlung in der Bar zu stürmen und eine Geiselnahme zu inszenieren. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich die Requisiten an mich nehmen sollte. Ich habe noch nie ein Gewehr in der Hand gehalten und möchte es auch nicht. Ich bin ein absoluter Gegner von Waffen, auch Spielzeug-Pistolen für Kinder kann ich beim besten Willen nicht verstehen.
Als ich die schwere Jacke und die Sturmmaske anzog und ein Profi aus einer Security Risk Agentur mit uns den Anschlag besprach, legte sich dann ein Schalter in mir um: Ich hab einen Auftrag, ich darf ihn nicht vermasseln. Der Stresspegel war immens hoch – Obwohl es nur ein Spiel war! Und nicht nur mir erging es so. In den Augen der zwei anderen Männern, sah ich, dass auch sie angespannt waren. Erwachsene Männer. Ziel jedes Aktes war, die Wirklichkeit so gut es geht, nachzustellen. Um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Man spielt die Rolle um sich gegenseitig zu helfen.
Beim Einstürmen in die Bar löste sich das Adrenalin bei mir und den Kollegen und aggressiv übernahmen wir die Gruppe. Unter uns “Radikalen” konnte einer serbisch und der andere arabisch sprechen, so dass die Überfallenden nicht verstehen konnten, was los war (ich auch nicht so wirklich).
Einer der “Gefangenen” kam auf die Idee, widerstand zu leisten und stellte sich mir, mit einem Stuhl bewaffnet, in den Weg. Wie gefährlich das ist, wenn Radikale unter Stress sind, wurde schnell klar. Auf ein Zeichen musste ich ihn rausführen, nachdem wir ihm den Stuhl entrissen haben. Mit einem lauten Knall mit der Holzwaffe gegen die Wand wurde deutlich gemacht, dass dieser Teilnehmer “nicht überlebt” hat.
Nachdem wir die Handys, Brillen und einige Uhren entnommen hatten und die Teilnehmer 3 Minuten mit dem Gesicht zu Boden gelegen hatten , wurde die Szene aufgelöst.
In der Nachbesprechung stellte sich heraus, dass ein nigerianischer Kollege fast die ganze Zeit dachte, dass dies real war. Dass hier in Bonn gerade ein Anschlag passiert.
Es war nur ein kleines Schauspiel und dauerte gerade mal 10 Minuten. Aber wie schnell sich Menschen anpassen können und nur die Aufgabe sehen, ohne Mitgefühl zu haben, war für mich unglaublich. Gib jemanden eine Waffe, ein Gefühl von Macht und er verliert Stück für Stück seine Menschlichkeit. Wird er auch noch unter Druck gesetzt, ist er nicht mehr berechenbar. Denn ich beschreibe es mal so; wir gingen nicht unbedingt zimperlich mit unseren “Geiseln” um.
Obwohl ich die Skills, die ich in diesem Seminar gelernt habe, wahrscheinlich nie wieder gebrauchen werde (zumindest nicht in Malawi, da gibt es so etwas wie Aufstände, Mobs, Anschläge etc. einfach nicht), habe ich doch einiges gelernt und bin froh, auch so etwas mitgemacht zu haben.

Die anderen Seminare waren weniger nervenaufreibend, aber trotzdem sehr interessant. Es macht wirklich Sinn, sich auf einen Auslandseinsatz gut vorzubereiten, um dort keine Zeit mit Unverständnis für die Kultur zu verlieren. Man kann nicht in ein fremdes Land kommen und versuchen alles so umzukrempeln, wie man meint, weil die eigene Prägung doch so richtig ist. Schon eine Ehe würde daran scheitern, wenn “interkulturelle Kommunikation” nicht statt findet, auch wenn beide im selben Land aufgewachsen sind.
Unterschiedlichkeiten kommen früher oder später immer an die Oberfläche und man muss eine gemeinsame Linie finden.

Wir waren wirklich lange hier. Man hat viele Kollegen kommen und gehen sehen. Toll war, dass sich wirklich gute Gespräche entwickelt hatten, einige Kontakte werden sicherlich noch weiter bestehen bleiben, obwohl man in verschiedene Länder reist. Vielleicht kommt der ein oder andere Besuch sogar zustande.

 

 

Besonders schön war, dass wir in Bonn nicht fremd waren. Durch Freunde, Familie und ein bisschen Sightseeing waren die Abende und Wochenenden gut gefüllt. Wir schlossen uns für diese Zeit auch der Kirche für Bonn an, bei der wir einen wunderbaren Hauskreis besuchten. Wie schön es ist, dass man überall Menschen findet, mit denen man den Glauben teilen kann und bei denen man sich willkommen fühlt. Benja und ich werden die Zeit hier sicher vermissen.


Was mittlerweile in Malawi passiert

Auf dem FACE Campus tut sich gerade in einem Haus ganz besonders viel.
Ende Oktober ist eine Gruppe von freiwilligen Helfern aus Wolfsburg nach Malawi geflogen, um unserem malawischen Bauteam unter die Arme zu greifen.
Das ehemalige Freiwilligenhaus hat zum ersten Mal eine richtige Renovierung erhalten. Das Dach hat schon so manchen Sturm halbwegs gut überlebt, aber damit es wirklich wasserdicht bleibt, musste ein neues her.
Und wir sind sehr froh, dass der Charme des Hauses erhalten geblieben ist, ist es doch das älteste Haus in Zalewa!

Im November war auch unser Projektmanager Gerald, der einige CFIler, unter anderem auch in Subsahara Afrika, betreut, zu Besuch in Zalewa. Einen Tag hat er sich Zeit genommen, unsere malawische Crew kennen zu lernen und war, wie kann es auch anders sein, beeindruckt von FACE.


Wir fahren nun nach Wolfsburg, in die Heimat. Dort haben wir genau 12 Tage noch, um unsere Koffer zu packen und die allerletzten Besorgungen zu tätigen.
Wir werden uns von unseren Liebsten verabschieden, bzw. “auf wiedersehen” sagen, denn wir sind ja nicht aus der Welt. Nicht gestorben. Nicht unerreichbar. Nur 7000km weiter, auf der anderen Seite vom Mittelmeer 🙂 An einem Ort, der sich zu Besuchen lohnt!
Mal was anderes als Dubai, Mexico oder Kroatien.

Machen wir uns Sorgen? – nur ein bisschen um unseren Hund Nelson, für den die Reise vielleicht etwas anstrengend werden könnte. Und ich habe etwas Angst, dass wir irgendetwas essenzielles Vergessen könnten (Reisepass, Wanderschuhe, meinen Verstand…)

Ob wir uns freuen? – doch, schon! Sonne, fast das ganze Jahr, keinen deutschen Winter mehr, Entspannen am Malawisee. Aber vor allem: Dort sein, wo Gott uns haben will. Lernen! Aber auch helfen, intervenieren, Wegbegleiter sein, schaffen! Darauf freuen wir uns.

 

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